Kleine Akkordeongeschichte

Um das Jahr 3000 vor Christi – so behauptet das Buch der Chroniken (Schu-Ching) – soll der legendäre „Gelbe Kaiser“ Huang Ti den Gelehrten Ling Lun in die westlichen Bergregionen seines Landes ausgesandt haben, damit er das Lied des Vogels Phoenix einfinge. Ling kam mit dem Cheng zurück und fing so die Musik für die Menschheit ein. Er tat somit auch den ersten Schritt zur Entstehung des Akkordeons, denn das Cheng ist das erste bekannte Instrument, das auf einem frei vibrierenden Stimmzungen-Prinzip basiert, das auch die Basis der Tonerzeugung in einem Akkordeon ist. Geformt dem Phoenix zu ähneln hatte das Cheng zwischen 13 und 24 Bambuspfeifen, einen kleinen Flaschenkürbis der als Resonanzkasten und Windkammer wirkte und ein Mundstück. Es blieb nach Jahrhunderten der Benutzung so gut wie unverändert und zog die Aufmerksamkeit europäischer Musiker und Handwerker auf sich, nachdem es um 1770 nach Russland gebracht worden war. Ob das die Einführung des Prinzips der frei vibrierenden Stimmzungen nach Europa war, ist allerdings umstritten. Bereits im 12. und 13. Jahrhundert war in England das „portative“ sehr verbreitet. Es bestand aus einer kleinen Tastatur, Blasebälgen und Stimmzungen und wurde mit Riemen am Spieler befestigt. Das „Regal“, später auch „Bible Regal“ genannt wegen seiner weitverbreiteten Benutzung in Kirchen, war der nächste Schritt in Richtung Akkordeon. Es besaß eine Tastatur, einen oder zwei Blasebälge, aber anders als das Akkordeon und andere offene Stimmzungen-Instrumente besaß es Stimmzungen die denen einer Oboe ähnelten. Es wurde vom 15. bis zum 18. Jahrhundert häufig zur Begleitung von Madrigalsängern benutzt. Am Ende wurde es unpopulär, da es die Tendenz hatte sich leicht zu verstimmen.

Dem Instrumentenmacher Cyrillus Damian aus Wien wurde oft die Kreation des ersten richtigen Akkordeons zugeschrieben. Er war der Erste, der ein Instrument dieses Namens zum Patent anmeldete nachdem er eine königliche Schirmherrschaft für seine Erfindung 1829 erhalten hatte. Die ersten richtigen Akkordeons tauchten jedoch 1821 in Wien und 1822 in Deutschland auf. 1821 erfanden Häckel in Wien und kurz darauf Christian Friedrich Buschmann in Berlin mundgeblasene Instrumente aus der Familie der Freistimmen-Balginstrumente. Ein Jahr später fügte Buschmann seinem Instrument Blasebalg und Knopftastatur hinzu und nannte es „Handeoline“. Sie ist wahrscheinlich der erste klar erkennbare Vorfahre des modernen Akkordeons. 1829 fügte Damian dem Baß weitere Akkorde hinzu und patentierte es als „Akkordeon“. Er stellte auch ein Akkordeon her, das er „Handharmonika“ nannte. Von 1830 an setzte sich die Entwicklung des Akkordeons mit beschleunigter Geschwindigkeit fort. Ein Lehrheft Adolph Müllers aus dem Jahr 1835 listet sechs Arten Akkordeon auf, alle diatonisch und in den Schlüsseln C, D oder G. Das erste chromatische Instrument wurde erst 1850 auf Verlangen des Akkordeonisten Walter gefertigt.

1840 erfand Heinrich Band aus Krefeld das Bandoneon. Es ist noch heute in Argentinien sehr populär und vom Tango nicht wegzudenken. Im selben Jahr vollendet Alexandre Debain in Paris sein Harmonium. Die Flutina-Polka, patentiert 1851 von Busson hatte zwei Register von Stimmzungen. (Busson war es auch, der der von Wheatstone 1829 erfundenen Concertina eine Klaviertastatur hinzugefügt hatte und sie dann Orgelakkordeon genannt hatte). 1854 patentierte Leterne von Paris ein ähnliches Instrument mit nur einem zweiten Satz Stimmzungen, leicht anders gestimmt als das erste, das zum ersten Musette gestimmten Akkordeon wurde. Die Entwicklung setzte sich fort, ständig wurden Verfeinerungen hinzugefügt und Ende des 19. Jahrhunderts wurden für eine Reihe von Varianten Patente angemeldet. Z. B.: Die Chromatina, entwickelt in Bayern von G. Mirwald hatte vier Oktaven und Klangregister. Das Autophon, New York 1880, funktionierte automatisch mit Pappstreifen, mehr oder weniger wie ein Pianola. Die Akkordeonherstellung im größerem Maß begann in den 60ern des 19. Jahrhundert. 1862 gab es in Klingenthal bereits 20 Hersteller. Einige Firmengründer der Zeit sind noch heute wohlbekannt. Ursprünglich ein Uhrmacher in Trossingen, begann Matthias Hohner (1833-1902) 1857, Akkordeons in seiner Werkstatt zu bauen. Soprani folgte 1872 in Castelfidardo und Dallape 1876 in Stradella.

Gestaltungswünsche von Musikern halfen die Form und Gestalt der Instrumente ständig zu verbessern, und dank des Drucks professioneller Spieler einigten sich die Hersteller Anfang des 20. Jahrhunderts auf eine Standardgröße und –form, mit 19,5 Inch der vereinbarten Länge für eine Klaviatur mit 41 Tasten. Frühere Akkordeons hatten keine Schulterriemen die es dem Spieler erlaubten das Instrument nahe am Körper zu halten. Die älteren Modelle wurden gespielt, indem man den rechten Daumen, den kleinen Finger und manchmal den Ringfinger der rechten Hand unter die Oberstimmentastatur legte. Man hatte deshalb nur zwei Finger frei, um die Tastatur zu bedienen. Der Daumen der linken Hand wurde ebenfalls unter dem Instrument gehalten, um ihm einen festen Halt zu geben. Die meisten Spieler tragen heutzutage doppelte Riemen. Das „Bajan“, ein Akkordeon mit Einfachriemen (meist auch mit Knopftastatur) das die Tastatur in einem weniger aufrechten Winkel hält, ist in Russland sehr populär. Mit all den Verbesserungen hat sich die Qualität der Aufführungen im Laufe der Zeit wesentlich erhöht. Es gibt ein beträchtliches Repertoire von Werken, die speziell für das Akkordeon geschrieben wurden. Man denke nur an die Volksmusiken, nicht nur in Deutschland sondern weltweit. Die Tatsache, dass das Akkordeon in den USA auch als Hauptfach an Universitäten zugelassen ist, beweist auch die Legitimität des Instruments für klassische Musik. So haben denn auch keine geringeren wie z. B. Tschaikovsky, Berg, Repnikov, Prokofiev und viele andere für das Akkordeon komponiert. Bereits 1842 hat Glinka das Akkordeon in seiner Oper „Russlan und Ludmilla“ kompositorisch eingesetzt. Aber auch in der populären Musik hat es sich seinen Weg gebahnt. Eine Menge Künstler haben das Akkordeon auf der Bühne oder bei Plattenaufnahmen eingesetzt. The Beatles, Billy Joel, Neil Diamond, The Rolling Stones, Emerson, Lake & Palmer und die Beach Boys, um nur einige zu nennen. Und die Jazz-Welt hat solche großartigen Akkordeonisten wie Art Van Damme, Mat Matthews, Tommy Gumina und Angelo di Pippo gesehen. Das A K K O R D E O N – es hat sich auch als Soloinstrument bewährt. Es passt gut zur Klarinette, zum Saxophon, der Flöte und zum A O R.

„Wer die Musik liebt, kann nie ganz unglücklich werden“
Franz Schubert